Fabian Scheidler:

Schule oder Die Pest der Abstraktion


Wann befiel sie mich, die Pest der Abstraktion? Es muß irgendwann in jenen unseligen Jahren gewesen sein, in denen mir die Jugend in nach Linoleum stinkenden Sälen gestohlen wurde und ich meinen aufrechten Gang vor Langeweile und Schwere auf den viel zu kleinen Stühlen ruinierte, während sich von vorne eine farblose Wortsoße in den Raum ergoß und die Fenster und Türen und Atemwege verklebte, jene Jahre, in denen ich mit jeder Schulstunde soviel Lebendigkeit verlernte, wie sich in Monaten nicht nachholen läßt – kurz: in der Zeit, in der die schulpflichtige Menschheit systematisch ihrer Kraft, Phantasie und Lebenslust beraubt wird, bis sie endlich in das trostlose Getriebe hineinpaßt, zu dem die Erwachsenen ihr Leben deformiert haben.


Dieses Verbrechen wird tagein tagaus millionenfach verübt und erduldet und hat, wie die meisten epidemischen Verbrechen, für Opfer und Täter den Charakter des absolut Normalen und Unabänderlichen. Die Täter gehen selten mit besonderer Bösartigkeit, meist mit Routine und oft sogar mit guten Absichten vor, die Opfer, denen das Mark ausgesaugt wird, ergeben sich diesem vampirischen Prozeß, weil er schleichend einsetzt und weil ihnen ab und zu für das abgesaugte Leben eine gute Note hingeworfen wird, von der sie vielleicht glauben, daß sie sich das Leben damit irgendwann zurückkaufen können.


Der wesentliche Sinn dieser ganzen Prozedur besteht nicht, wie ­immer wieder irrtümlich geglaubt wird, darin, Fähigkeiten und Möglich­keiten von Menschen zu erweitern, sondern, im Gegenteil, darin, ­diese ­Menschen in eine geistig-sinnliche Verarmung hineinzutreiben, die so tief ist, daß es für die meisten kein Erwachen mehr gibt. Denn erst im Zustand solcher Verarmung, wenn ihnen ihre Spontaneität und Eigenwilligkeit abdressiert wurden, fügen sich Menschen in all jene sinnentleerten und fremdbestimmten Tätigkeiten, auf denen unser Wirtschaftsleben beruht. An diesem Zusammenhang hat sich seit den Zeiten Kaiser Wilhelms im Prinzip nichts geändert.


Das Erschreckendste an alldem aber ist, daß Menschen über so viele Stunden jeden Tag ihrer Autonomie und ihrer elementarsten Rechte vollkommen beraubt werden, ohne daß irgend jemand von Gewalt­verhältnissen und Freiheitsberaubung spricht und für die derart Drangsalierten in die Bresche springt. Die Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte sind schließlich kaum zu überbieten: Ein Schüler (jenseits der ersten Klassen) hat im Klassenraum weder das Recht, auf eigene Initiative zu sprechen noch sich zu bewegen, sondern nur auf Geheiß einer Autorität. Er darf von sich aus nicht einmal zum Fenster gehen um Luft zu schnappen. Er darf mit seinem Tischnachbarn nicht kommunizieren, sondern nur entlang der zentralen Achse zum Lehrer und nur über die von ihm vorgeschriebenen Themen. Diese Situation ist vollkommen grotesk. Selbst Gefangene im Zuchthaus haben mehr Rechte.

Aber anstatt für die Befreiung aus derart entwürdigenden Verhältnissen zu kämpfen, beschweren sich Lehrer und andere Amtsträger über den mangelnden Kooperationswillen von Schülern. Über Faulheit. Über Gewalt im Klassenraum.


Das ganze erinnert an das Verhältnis von Kolonialherren zu den von ihnen unterjochten Völkern, denen zu allen Zeiten Faulheit, Renitenz, Dummheit und Verschlagenheit nachgesagt wurden. Hier wie dort gibt es ein strukturelles Gewaltverhältnis, aus dem es kein Entkommen gibt, weil es auf einem unantastbaren gesellschaftlichen Konsens (der ­Weißen bzw. der Erwachsenen) beruht. Die Abschaffung der Prügel­strafe mildert hier wie dort die Verhältnisse, ändert aber nichts an der Freiheitsberaubung und Degradierung. Der Schulschwänzer wird irgend­wann ebenso von der Polizei zur Schule eskortiert wie ein entlaufener Sklave zur Plantage seines Herrn. Und wie der Affe in ­Kafkas Bericht für eine Akademie kann er nur darauf bauen, endlich so zu werden wie seine Bewacher, um heraus zu kommen. Die Freiheit aber stand nie zur Wahl.


(Aus: „Die volle und die leere Welt“. Essays und Bilder“, Norderstedt 2007)