
Fabian Scheidler: Raum und Gedächtnis (Fortsetzung)
Die Axt des Bonifatius
Die Entwurzler haben die eigene Entwurzelung immer schon hinter sich. Nicht nur die Baggerfahrer in Malaysia, auch die Europäer selbst.
Im Jahr 723 missionierte ein Mann, der den Namen Bonifatius, der Wohltätige, trug, im Auftrag des Papstes die mitteleuropäischen Völker. Im heutigen Hessen weigerten sich damals die Leute noch, das zu empfangen, was ein Chronist „des reinen Glaubens unverletzbare Wahrheiten“ nannte, und verehrten weiterhin unbeirrt Bäume und Quellen. Nachdem der Wohltätige mit freundlichen Ermahnungen gegen diese Praktiken nichts erreichte, zog er eine Truppe zusammen, fällte in einem Ort namens Geismar unter Verwünschungen der Bevölkerung den heiligen Baum und ließ aus dem Holz eine Kirche bauen. So unterzog er die Aborigines von Geismar einem Crashkurs in Weltgeschichte: Innerhalb weniger Stunden sollten sie erleben, was sich seitdem bis in die hintersten Winkel der Erde wiederholt hat und noch wiederholt: Die Zerschlagung von Raum und Gedächtnis im Zeichen des Empires.
Vom Baum zum Kreuz: Dieser Weg ist in manchen Kirchen als Weg der Heilsgeschichte dargestellt: links der Baum des Lebens im Garten Eden (die Vergangenheit), rechts das Kreuz auf dem Schädelberg (die Zukunft).
Vom Baum zum Kreuz treffender ist Geschichte von Geismar bis Borneo nicht darzustellen. Es ist nicht nur der Weg von einem lebensspendenden Wesen zu einem Instrument des Todes, sondern auch von der Vielfalt zur Abstraktion, von der Unerschöpflichkeit eines wirklichen Baumes zur Trostlosigkeit seines Schemas.
Es ist hier eine Richtung in den Verschlingungen und Brüchen der Geschichte erkennbar, eine unterirdische Kontinuität, die das christliche und das technokratische Zeitalter miteinander verbindet.
Und wenn heute von Fortschritt, Wachstum, Modernisierung oder auch von „Entwicklung“1 die Rede ist, hört ein feines Ohr noch immer die Axt des Bonifatius.
[1] Die Enteilung der Welt in eine „entwickelte” und eine „unterentwickelte” geht auf eine Rede des US-Präsidenten Truman im Jahre 1949 zurück. Diese Enteilung eine modernisierte Version der Einteilung in Christen und Heiden oder Zivilisierte und Wilde ist grundlegend für das neokoloniale Programm: Jede positive Veränderung in den ehemaligen Kolonien ist nur vorstellbar als eine Nachahmung der weißen Herren. (Vgl. Sachs, Wolfgang / Esteva, Gustavo: Des ruines du développement, Paris 1996)
Aus: „Die volle und die leere Welt. Essays und Bilder“, Norderstedt 2007
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